ICH [QUELLE: IHR]
Statt originell zu sein, basteln sich Netizens ihre Identität lieber aus Zitaten zusammen, behauptet der Buchautor Klaus Raab. Wen das stört, der ist zu alt - oder kennt nicht den Unterschied zwischen Remix und Copy & Paste.
Interview: Mark Heywinkel
uMag: Klaus, mit deinem Buch "Wir sind online - wo seid ihr?" hast du eine Analyse der sogenannten digitalen Generation vorgelegt. Wen zählst du alles dazu?
Klaus Raab: Man gehört dazu, wenn man mit dem Internet in Berührung gekommen ist in der Zeit, in der man noch offen für Neues war. Ich zitiere da immer Douglas Adams: "Alles, was bis 30 kommt, findet man toll. Alles, was danach kommt, zerstört die Zivilisation, wie wir sie kannten." Der Wunsch und die Möglichkeit, mit etwas Neuem umzugehen, sind sicherlich größer, wenn man 19 ist als wenn man 39 ist. Die digitale Generation definiert sich also mehr durch ihre Offenheit als über ein bestimmtes Geburtsjahr.
uMag: Dann könnte sich also auch ein aufgeschlossener 60-Jähriger als Teil dieser Generation verstehen?
Raab: Es gibt da diese Soziologendefinition von Heinz Bude, dass eine Generation eine Einheit mit einer gemeinsamen Frage ist. Die Leute um die 30 und jünger beschäftigen sich alle mit der Frage, was der digitale Wandel mit uns macht. Nicht alle finden das super, aber alle müssen da irgendwie eine Antwort drauf finden. Bei den 60-Jährigen ist das anders, die haben andere Ereignisse, die sie geprägt haben. Nichtsdestotrotz gibt es aber auch eine ältere Netzavantgarde.
uMag: Und die Zahl der sogenannten Silversurfer wächst. Gleichzeitig nimmt das Oxford English Dictionary Akronyme wie OMG und LOL auf - ist Netzkultur inzwischen weniger nerdy als vielmehr Pop?
Raab: Ich denke, dass wir da auf dem Weg zu einer Normalisierung sind. Aber es ist auch immer noch ein Spalt vorhanden, den die Digitalisierung durch die Gesellschaft treibt. Googeln und E-Mails schreiben - das machen natürlich so gut wie alle. Aber in der Selbstverständlichkeit, im Benutzen des Ganzen und wie digitale Kultur gelebt wird, gibt es noch Unterschiede.
uMag: Viele werden also das Verb love auch nicht durch den HTML-Code "& #9829;" ersetzen, nur weil der im English Dictionary geführt wird. Und die Skepsis gegenüber der schnellen, öffentlichen Kommunikation in Facebooknachrichten und Tweets hält immer noch an ...
Raab: Dabei sind das ergänzende Formen, eine eigene Identität auszudrücken. Wenn man über Wochen oder Monate einen Twitter-Account verfolgt, bekommt man ein sehr gutes Bild von dem Typen, der dahintersteckt.
uMag: Viele forcieren ihre Identität, indem sie fremde Videos, Songs oder Bilder posten, die ihnen gefallen, viel besser, als sie es mit Worten könnten. Ist das Zitieren wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung im Netz?
Raab: Ja, das würde ich schon sagen. Vielleicht ist das auch etwas, was die digitale Generation auszeichnet: Sie hat erkannt, dass man sich auch auf die Schultern von Großen stellen kann und mit dem, was man rezipiert hat, weiterarbeiten und nicht unbedingt etwas Originäres damit machen muss. Das sind Jugendträume, dass man der Erste sein will, der im Weltraum einen dreifachen Salto macht. Die Träume und Vorstellungen davon, wer man sein will, verschieben sich gerade. Und diese Bastelei, die man im Netz betreibt, indem man sich hier was anliest und dort was anliest und daraus dann ein Bild davon kreiert, wie und wer man ist, ist eine weit verbreitete Methode der Persönlichkeitsschaffung.
uMag: Zwar ist das Zitieren anscheinend wichtig für die Identität jedes Einzelnen im Web. Helene Hegemann musste trotzdem ordentlich einstecken, als bekannt wurde, dass einige Sätze ihres Debüts "Axolotl Roadkill" nicht von ihr stammten. Hätte die Jungautorin nicht eher als Heldin des Remixens gefeiert werden sollen?
Raab: Das ist eine schwierige Sache, weil der Unterschied zwischen Remix und Copy and Paste ja ziemlich eindeutig vorhanden ist. Hegemann hat zwar nicht wie Guttenberg seitenweise abgeschrieben, aber ohne sauber zu zitieren einzelne Sätze kopiert. Sie hat daraus allerdings etwas ganz Eigenes in einer eigenen Sprache gemacht. Deswegen finde ich, was Hegemann gemacht hat, im Einzelfall unglücklich. Die Quellen zu erwähnen hätte ihr nicht geschadet. Andererseits finde ich nicht, dass das ihre Arbeit schmälert. Ich hatte nie das Gefühl, nachvollziehen zu müssen, was genau jetzt von dem Airen stammt und was von ihr. Bei Guttenberg war das ganz anders. Aber ich glaube, dass es einen Unterschied gibt zwischen Remix und Copy and Paste, der auch anerkannt ist, wie man am Konzept von Twitter sieht. Wenn man Dinge weitertwittert, steht da automatisch Retweet dran, da ist die Quelle also immer immanent. Bei der digitalen Generation handelt es sich generell also gar nicht um eine Copy-and-Paste-Generation. Aber dass da Fehler passieren, ist irgendwie auch klar, genauso, dass da Regeln gebrochen werden. Die Frage ist dann immer, wie viel Geld man damit verdient oder wie sehr man jemandem damit schadet.
uMag: Guttenberg musste für seine plagiatverseuchte Dissertation zu Recht sein Amt als Verteidigungsminister als auch den Doktortitel aufgeben. Etablierte Nachrichtensendungen dürfen aber noch immer "Internet" als Videoquelle angeben. Kann die alte Medienwelt von der digitalen Generation noch was lernen?
Raab: Im Fernsehen gibt's natürlich das Problem, dass es nicht immer Platz gibt, um eine lange URL anzugeben. Wenn sie's im Netz auch nicht machen, ist es was anderes. Aber da muss man das auch erst mal akzeptieren als Möglichkeit, die gut ist: Den Daumen des eigenen Schaffens zu lockern für das, was andere geleistet haben. Das ist wichtig, ist aber noch nicht in alle Bereiche vorgedrungen.
Checkbrief
NAME Klaus Raab
ALTER 32
STUDIERTE Ethnologie
ARBEITET als Journalist
ORT Berlin
BUCH „Wir sind online – wo seid ihr? Von wegen dummgesurft! Die unterschätzte Generation“ ist im März bei Blanvalet erschienen
www.mawingu.de



